Von Athen ins Dorf und zurück

von Ulrike Krasberg

Die enge Verbindung zwischen Athen und den Herkunftsdörfern ihrer Einwohner stellt sich zum Beispiel so dar: Andromachi, meine Nachbarin im Dorf auf Lesbos, hatte – als älteste Tochter – bei ihrer Hochzeit wie es traditionell üblich ist, das Elternhaus vererbt bekommen. Ihre jüngere Schwester Despina ging aus Geldmangel leer aus.

Dorfleben auf der Gasse. Foto U. Krasberg, 1983

Despina heiratete einen Mann aus dem Dorf, und weil auch er kein Haus besaß, gingen sie zusammen nach Athen. Dort konnten sie nach einigen Jahren eine kleine Wäscherei aufmachen: „In den 50er und 60er Jahren hatten die meisten Leute noch keine Waschmaschine, oft nicht mal ein Badezimmer, in dem man waschen konnte, deshalb lief unsere Wäscherei auch gut!“ Als der Sohn ihrer Schwester Andromachi im Dorf die Schule beendet hatte und eine Berufsausbildung machen sollte, wurde er von Despina in Athen aufgenommen und lernte das Malerhandwerk. Er blieb in Athen und heiratete eine Frau, gebürtig von seiner Heimatinsel. Als seine Eltern gebrechlich wurden, kamen sie jeden Winter zu ihm nach Athen, denn ihr Haus im Dorf konnte nur schwer geheizt werden. Sie lebten in einem Zimmer, das er an sein Haus in einem der Außenbezirke von Athen angebaut hatte. Den Sommer verbrachten sie zusammen mit Schwester Despina und ihrem Mann in ihrem Haus im Dorf.

Schuhkauf auf der Gasse. Foto U. Krasberg, 1983

Die Eltern kehren zurück

Als Andromachi und ihr Mann nacheinander in Athen starben, wurden sie dort beerdigt. Nach der traditionell üblichen Exhumierung ihrer Gebeine jeweils fünf Jahre später, wurden diese in einer Kiste als Postpaket ins Dorf geschickt, um sie im Beinhaus des Friedhofs zu verwahren, wie es nach orthodoxem Ritus üblich ist. Despina, nachdem auch ihr Mann gestorben ist, verbringt weiterhin jeden Sommer im Haus im Dorf. Andromachis Sohn, mittlerweile im Ruhestand, baut das Haus jetzt nach und nach um (Badezimmer, Heizung, moderne Küche), mit dem Wunsch, irgendwann ins Dorf zurückzukehren. Allerdings hat sich seine Frau mit diesem Gedanken noch nicht angefreundet, sie möchte in der Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder in Athen bleiben.

Nachbarinnen beim beim Nudeln drehen. Foto: U. Krasberg, 1983

Die Sehnsucht nach dem Leben im Dorf

Die Sehnsucht der Athener nach dem Leben auf dem Land – und sei es nur für den Sommerurlaub – ist nicht die gleiche wie bei Nordeuropäern, die sich nach Ruhe und Abgeschiedenheit und dem Erleben von Natur sehnen. Die Athener haben den Wunsch, die Familie, die Verwandten, Nachbarn und Freunde wiederzusehen und in die sommerliche Geselligkeit und Kommunikation des Dorflebens einzutauchen. Selbst an den Stränden der Inseln suchen sie nicht die einsamen Buchten, sondern den gut besuchten Badestrand, wo jeder mit jedem plaudern kann, sei es Liege an Liege oder miteinander im Wasser stehend.

Aber nicht nur die Athener kehren im Sommer zu ihrer Familie ins Dorf zurück, die Verwandten aus aller Welt – aus den USA, Kanada, Südamerika, Australien und natürlich aus dem übrigen Europa – kommen ebenfalls ins Dorf, und all die den Winter über geschlossenen Häuser werden dann wieder bewohnt. Die ganzjährig im Dorf Lebenden empfinden die Athener Verwandtschaft durchaus auch als Dorfbewohner, als Dazugehörige. Und oft genug drehen sich Gespräche auf der Gasse um die Identifizierung der im Sommer überall herumtollenden Kinder als Enkel von Dem-und-Dem oder Tochter von Der-und-Der und sie werden als „Nachbarskind“ angesprochen und gehätschelt. So ist jedes Dorf über ganz persönliche Beziehungen Teil des städtischen Lebens in Athen und ist nicht zuletzt auch weltweit vernetzt.

 aus: Ulrike Krasberg (2017): Griechenlands Identität. Geschichten und Menschen verstehen. Frankfurt/M: Größenwahnverlag

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