“Parades”: örtliche Notgelder auf Lesbos

von Savva K. Kofopoulou und Strati I. Anagnostou

Die wenigsten der sogenannten parades (“Geldersatzscheine”), die von unterschiedlichen Gemeinden in ihrem Bereich während der letzten Jahrzehnte des Osmanischen Reichs in Umlauf gebracht wurden, sind erhalten geblieben.

Notgeld (parades). Foto: Museum Filia

Da sie meist aus Papier oder Karton hergestellt wurden, sind sie wegen ihres vergänglichen Materials selten noch zu finden. So wird jedes Mal, wenn die Forschung und in vielen Fällen der Zufall eines Forschers irgendeine neue Art von diesen „Billets” (Geldscheinen) entdeckt, dieses Ereignis einer Veröffentlichung für wert empfunden, da dies neue Anhaltspunkte für die besondere Form eines Teilbereiches unserer Geschichte der Geldes beisteuert.

Ein glücklicher Zufall führte uns zur Lokalisierung einer neuen Art von Billets, die aus Lesbos stammen. Die Insel Lesbos hat zweifellos den ersten Rang in der Registrierung, wenn nicht auch in der Verbreitung lokaler Notgelder inne. Wir sind jedoch noch nicht in der Lage, diese Tatsache irgendeiner Besonderheit des Gebietes oder einfach der intensiveren Beschäftigung der Forscher mit dieser Gegend zuzuschreiben.

Das erste der neuen Billets, die wir hier vorstellen, kommt aus dem Dorf Filia, das sich im zentralen Teil der Insel befindet , 51 Kilometer nordwestlich von der Stadt Mytilini. Es wird berichtet, dass das Dorf im 17. Jahrhundert „etwa 60 Häuser mit Christen, bis zu 20 Häuser mit Sarazenen (Muslimen) und eine Kirche, nämlich die des heiligen Georgios, hatte. Ein Ort ,ouk agathos‘ “. 1894 hatte das Dorf 420 Häuser, davon waren 320 christliche, und die Kirche war dem ,Taksiarchen’ geweiht. 1909 gab es 480 Familien, davon waren 120 muslimische. 1911 waren es 500 Häuser, davon 120 muslimisch. Heutzutage (1991?) gibt es in dem Dorf etwa 300 Einwohner.

Die Billets von Filia sind von speziellem Interesse, weil sie neue Gesichtspunkte über die Verbreitung dieses besonderen Geldes beitragen. Es handelt sich um Billets mit folgenden Daten:

Notgeld (parades). Foto: Museum Filia

Vorderseite: Parades (Geldeinheit) zehn, 10, Schulen Filias Metzition Gr. 33, Lesbos 1880, zu Gunsten des Inhabers.

Rückseite: runder Stempel mit Aufdruck:  Schulaufsichtsbehörde Filia 1879 und handschriftliche Unterschrift mit dem Namen G. Karagiannopoulos

Farbe hellgelb, Maße ungefähr 5 x 4. Anzahl der gefundenen Billets 8.

Notgeld (parades). Foto: Museum Filia

Vorderseite: Parades zwanzig, 20, Schulen Filias Metzition Gr. 33, Lesbos 1880, zu Gunsten des Inhabers.

Rückseite: gleich

Farbe violett, Maße ungefähr 5 x 4. Anzahl der gefundenen Billets 12.

Notgeld (parades). Foto: Museum Filia

Vorderseite: Parades achtzig, 80, weitere Angaben gleich Rückseite: gleich

Farbe rosa, Maße ungefähr 5 x 4. Anzahl der gefundenen Billets 4.

Notgeld (parades). Foto: Museum Filia

Vorderseite: Parades zehn, 10, Schulen Filias Metzition Gr. 33, Lesbos 1888, zu Gunsten des Inhabers.

Rückseite: leer

Farbe der Vorderseite hellgrün und der Rückseite weiß. Fund 1 Einzelstück eines bedruckten Blattes mit 8 Billets, Maße 18 x 12.

Notgeld (parades). Foto: Museum Filia

Vorderseite: Parades zwanzig, 20, Schulen Filias Metzition Gr. 33, Lesbos 1888, zu Gunsten des Inhabers.

Rückseite: leer

Farbe der Vorderseite hellgelb und der Rückseite weiß. Fund 1 Einzelstück eines bedruckten Blattes mit 8 Billets, Maße 18 x 12.

Die bis jetzt bekannten Billets der ganzen Osmanischen Herrschaft bezogen sich auf Werte von 5, 10, 20 und 40 Parades, eine logische Sache, da die bis dahin geltenden „offiziellen” metallenen Geldmünzen den gleichen Wert in Parades aufwiesen. Hier stoßen wir jedoch auf ein Billet, ziemlich früherer Zeit von 1880, das einen Wert von 80 Parades hat (d.h. zweier metallener Grosi), das vorher in entsprechender Form nicht existierte. Es gab sicherlich Geld im Werte zweier Grosi, aber aus Silber, das (buchhalterisch) 80 Parades entsprach.

Notgeld (parades). Foto: Museum Filia

Es ist auch das erste Mal, soweit wir feststellen können, wo Billets sich auf bedruckten „Blättern”befinden, d.h. in einem Stadium, bevor sie in Umlauf kommen und deshalb ungestempelt und nicht unterschrieben sind.

Sowohl die Aufschrift als auch der Stempel bezeugen, dass die Schulen des Dorfes Herausgeber der Geldschein-Billets waren. Entsprechende Billets mit einer Schule als Herausgeber kennen wir nur aus Konstantinopel stammend. Es handelt sich hier im Einzelnen um die Schule Kontoskaliou, die Schule der Heiligen Theodoron Blankas, die Schule der Aretzous und um eine französische Schule von Galata.

Im Jahr 1880, dem Ausgabejahr der unter Nummer 1, 2 und 3 aufgeführten Billets, verfügt Filia gemäß einer Veröffentlichung der Zeitschrift „Sapfo” über eine Grundschule und eine „ griechische” bzw. mittlere Schule. Bis zum Jahr 1894 erfolgt auch die Gründung einer Mädchenschule. Inspektor der Schulen und Dimogerontas (Dorfvorsteher) von Filia über eine Reihe von Jahren sowie„wichtigste Persönlichkeit und alleinige Stütze der Gemeinde” war der Handel treibende Georgios Karagiannopoulos, der auch handschriftlich die oben erwähnten Billets unterschreibt, womit er wieder Vertrauen in den Geldverkehr brachte. In dem Nachruf zum Tode von Karagiannopoulos wird speziell sein Beitrag für die Schulbildung betont. Als seine Errungenschaften  stechen besonders die Einführung von Schulkassen (aus welchen zuallererst die Lehrer dieser Epoche bezahlt wurden), die tiefgreifende Erneuerung der Grundschule für Jungen sowie die Gründung einer Mädchenschule hervor. Wir müssen folglich annehmen, dass die obigen Billets von Filia unmittelbar mit den erwähnten Errungenschaften von Karagiannopoulos in Verbindung standen und es scheint, dass sie mit Erfolg den Notwendigkeiten der schulischen Bildung im Dorf dienten.

Von diesem Dorf (Filia) sind uns andere Arten von ,,Notgeldern” wie Kontramarkes oder „Tsinkakia” nicht bekannt.

In der Folge des Artikels werden weitere Orte auf Lesbos erwähnt, wo es Notgeld gab und dieses wird ebenso beschrieben:

·  in Agra

·  in Agia Marina

·  in Asfalonas

·  in Moria

·  in Eresos

Auf Lesbos waren auch während der Besatzungszeit solche Billets in Umlauf.
Bekannt und veröffentlicht sind die Billets der Kirche Koimiseos der Theotokou in dem Dorf Petra (1942). Ein anderes Billet, mit ziemlicher Sicherheit ebenfalls aus der Besatzungszeit, stammt von der Kirche des Heiligen Therapontos in Mytilini.

Schließlich erwähnen wir noch ein privates Billet, wahrscheinlich ein Probestück. Es wurde von der Industrie- und Handelsfirma P.M.Kourtzis AE in Mytilini am 8. November  1942 herausgegeben und gewährt demjenigen, der diesen Geldschein vorlegt, eine Zahlung von 1.000,-Drachmen durch die Firma.

Übersetzung: Bernhard Weinmann

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