Seidenkleider um 1900

von Ulrike Krasberg

Die Garderobe der Damen der Karagianopoulos-Familie umfasste auch exquisite Roben für festliche Anlässe. Ob diese Kleider anlässlich von Dorffesten in Filia getragen wurden oder ausschließlich bei gegenseitigen Einladungen der Oberschicht (den Archontenfamilien) in den Dörfern der Insel zu exklusiven Ereignissen, wissen wir nicht.

Seidenkleid mit Cul de Paris. Foto: Museum Filia

Die Kleider entsprachen der westlichen Mode der „Belle Epoque“ und hatten ihren Ursprung in Paris um 1900. Das Material aus Seide oder Chiffon war kostbar und aufwändig verarbeitet. Die Kleider waren in der Regel hochgeschlossen und bodenlang, an den Armen und am Hals mit Spitzen und Rüschen verziert. Sie wurden mit stoffbezogenen Knöpfen geschlossen. Hob die Trägerin ihren Rock etwas an, so blitzte ein fast noch aufwändiger verarbeiteter Unterrock hervor. Verzierte Hüte, ein kleiner Seidenschirm, Federboas und Seidenhandschuhe ergänzten das Ensemble. Um die enge Taille zu betonen, trugen die Damen ein Korsett. Oft war dies bereits im Oberteil des Kleides eingenäht. Ein Kleid der Sammlung zeigt im unteren Rücken den sogenannten „Cul de Paris“, im Deutschen auch „Wattehintern“ genannt, der neben der schmalen Taille die modische Silhouette der Trägerin noch mehr betonte.

Foto: Museum Filia

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wechselte die Mode. Eine einfachere und bequemere Kleidung setzte sich durch: das „Reformkleid“ für alle sozialen Schichten. Und gegen Ende des 20. Jahrhunderts hatte die Mode als Statusanzeige ihrer Träger ausgedient und sich soweit egalisiert, dass nur noch die Qualität der Herstellung soziale Unterschiede erkennen ließ.

Wo die Kleider der Damen der Karagianopoulou gefertigt wurden, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, vermutlich aber nicht in Filia. Entweder die Kleider wurden auf Reisen in europäischen Großstädten (in Paris) gekauft oder sie wurden – geographisch naheliegender – in Smyrni (heute Izmir) auf dem gegenüberliegenden Festland hergestellt. In der dort lebenden großen griechischen Gemeinde gab es eine Art Modezentrum, das orientiert war an der westlichen Mode und wo Modelle nachgeschneidert wurden.

Um 1900 hatten sich in Paris schon die ersten großen Warenhäuser etabliert. „Au beau Marché“ war 1838  das erste Warenhaus der Welt, es folgten die„Grands Magasins du Printemps“ 1868 und die „Galeries Lafayette“ 1895.

Diese ersten „Konsumtempel“ waren auf die Konsumbedürfnisse von Frauen aus wohlhabenden Großstadtfamilien ausgerichtet. Da bürgerliche Frauen im 18. Jahrhundert nur selten und dann schicklicherweise in Begleitung das Haus verlassen sollten und sich oft entsprechend langweilten, boten ihnen die neuen Kaufhäuser einen geschützten Raum, in dem sie sich auch ohne männliche Begleitung außerhalb ihrer Wohnung aufhalten konnten. Die Kaufhäuser waren pompös gestaltet, neben dem Warenangebot, gab es kaffeehausähnliche Sitzecken, in denen die Damen stundenlang plaudern konnten und es wurden immer wieder „Events“ veranstaltet, um weibliches Publikum anzuziehen und zum kaufen anzuregen. Hier wurde nicht nur Mode gemacht („prèt á porter“ wurde hier erfunden) und verkauft. Einkaufen sollte zu einem Vergnügen werden in einer Erlebniswelt, die alle Sinne anspricht. Mit Kunstausstellungen und Musikveranstaltungen förderten die Kaufhäuser viele Künstler und ermöglichten ihnen und vor allem auch Architekten in der Gestaltung der Häuser innovativ zu werden und Ideen zu entwickeln, die ihrer Zeit weit voraus waren. Der berühmte Architekt Gustave Eiffel zum Beispiel war auch an Erweiterungsbauten des Bon Marché und der Galeries Lafayette beteiligt.

Die Galeries Lafayettes. Foto U. Krasberg, 2017

Emile Zola beschreibt in seinem Roman „Das Paradies der Damen“, welche sozialen, kulturellen und mentalitätsgeschichtlichen Umwälzungen diese „Orte der Moderne“ mit sich brachten. In dieser Zeit kam zum Beispiel der Begriff „Kleptomanie“ als psychische Krankheit auf, um Damen der höheren Gesellschaft vor strafrechtlichen Verfahren zu schützen, wenn sie wieder einmal für die Objekte ihrer Begierde im Kaufhaus „vergessen“ hatten zu bezahlen. Aber nicht nur für die Konsumentinnen aus betuchten Familien bedeuteten die Kaufhäuser eine Form von Befreiung aus der patriarchalischen Beschränktheit der eigenen vier Wände. In den Warenhäusern fanden zunehmend mehr Frauen aus einfachen Verhältnissen einen bezahlten Arbeitsplatz. Schließlich konnten die Kundinnen nicht von Männern in Bezug auf ihre Garderobe (und Dessous!) beraten und erst recht nicht beim Ankleiden unterstützt werden.

Schon um 1900 brachten die Kaufhäuser Kataloge mit ihrem Warenangebot heraus. So konnte der Kundenkreis auch über Paris hinaus erweitert werden, indem Waren per Post bestellt und von einer hauseigenen Flotte von Pferdefuhrwerken ausgeliefert wurden.

Ob auch die Damen der Familie Karagianopoulou in Filia diese Möglichkeit der Bestellung nutzen konnten, mag eher bezweifelt werden. Wir wissen auch nicht, ob sie selbst nach Paris oder in andere europäische Modezentren gereist sind, um Kleidungsstücke zu erwerben. Allerdings ist anzunehmen, dass Anschauungsmaterial über neueste Pariser Modetrends auch in Smyrni vorhanden war.

Hutmode der Oberschicht um 1900. Foto: Museum Filia. Fotograf unbekannt

Die edlen Roben der Damen zeigen wie weit die Lebenswelt der kosmopolitischen, gebildeten Oberschichtsfamilie der Karagianopoulou von der der einfachen bäuerlichen Familien Filias entfernt lag. Und doch waren beide Lebenswelten im Dorf eng miteinander verflochten.

Mitarbeit: Ursula Boldt

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