Neo Vitam

von Ulrike Krasberg

Vor etlichen Jahren beobachtete ich einen Dialog zwischen zwei älteren Bauern im Dorf. Sie kamen die Gasse vor meinem Haus herunter und blieben zufällig vor meinem offenen Hoftor stehen, vertieft in ein Gespräch. Als ich zum dritten Mal das Wort Neo Vitam  (eine Margarine-Marke) hörte, erweckten sie meine Aufmerksamkeit.

Gasse in Filia, 2017

„Neo Vitam sagst du?” Stavros streckt erstaunt den Kopf vor.

„Ja, Neo Vitam!”

„Die Margarine?!” Stavros zieht die Augenbrauen hoch.

 „Ja!“ – der Kopf  ruckt zur Seite Richtung Schulter – „Die nehme ich immer.”

Pause. Stavros schnalzt mit der Zunge. „Das, was man im Supermarkt kaufen kann?”

„Ja, im Laden beim Nikos bekommst du das auch.”

Stavros geht einen Schritt zurück. „Die Margarine in den runden Töpfen?” Er zeigt mit Daumen und Zeigefinger einen Halbkreis

„Ja, Neo Vitam!”

Stavros legt ungläubig den Kopf zurück und hebt die Augenbrauen. „Und das geht?”

„Ja, das geht!”

Erstauntes Augenrollen: „Neo Vitam?! Po, po, po!!” Er hebt den rechten Unterarm, lässt ihn bedeutungsvoll kreisen und dann setzen sie ihren Weg durch die Gasse zum Kafeneion fort. 

Stavros‘ Gesten, etwa das Heben der Augenbrauen, was nein“ bedeutet, das Kreisen des rechten Unterarms, was Erstaunen ausdrückt, das Schnalzen mit der Zunge, ebenfalls ein erstauntes „nein”, das ruckartige Beugen des Kopfes zur Schulter hin, das ein „Ja“ unterstreicht, gehören zu einem Fundus an stilisierten Gesten, die in ganz Griechenland verbreitet sind. Mit Hilfe dieser Gesten werden im Gespräch, besonders in der Öffentlichkeit, verbale Mitteilungen mit Nachdruck versehen und unterstreichen die kommunikative Selbstdarstellung.

Diskussionen auf der Gasse. Foto U. Krasberg, 1986

Das Gespräch erschien mir zunächst wie ein Non-Sense-Dialog. Aber dann bemerkte ich die Freude, die beide sichtbar dabei hatten, ausgedrückt im verschmitzten Lachen, in der körperlichen Zugewandtheit und der Lebhaftigkeit der Gesten. Worüber sie sprachen war tatsächlich unwesentlich. Sie inszenierten vielmehr ihre Freundschaft und ihre Freude über die Kommunikation. Sie nahmen sich als Person gegenseitig wichtig und das vor Publikum in der Öffentlichkeit der Gasse. Aussagen in einer solchen Situation sind daher selten Fakten oder die „Wahrheit“.  Eine Verabredung für den nächsten Tag, als Einladung oder Zusage zu einer solchen ausgesprochen, ist dann der Situation geschuldet und kein „Termin“ im Sinne europäischer Geschäftsgepflogenheiten.

Themen und Situationen solcher Unterhaltungen mögen sich über die letzten 30 Jahre verändert haben, der Gestus aber nicht. 2015 saß ich im Flugzeug nach Athen. In der Reihe hinter mir unterhielten sich zwei Griechinnen. Eine junge – vermutlich aus der zweiten oder dritten Generation der „Gastarbeiter“ in Deutschland – und eine ältere, die die Familie ihrer Kinder in Deutschland besucht hatte. Die junge benutzte die Sprache als Medium der Information. Klar und sachlich, mit ruhiger Stimme gab sie Auskunft über die allgemeinen Lebenszusammenhänge in Offenbach: Ein „deutsches Griechisch“ oder ein Griechisch der gut ausgebildeten jungen Generation. Auch die Ältere berichtete von ihrer Familie – ebenfalls in Offenbach lebend – mit leicht rauchiger Stimme, hörbar lächelnd, kleine Geschichten einfügend, erzählt mit dramatischen Pausen, Anheben und Senken der Stimme, beginnend im tiefen Bass, sich steigernd zur Höhe eines Fragezeichens, versehen mit vielen erzählerischen Floskeln. Information, ja, aber auch Selbstdarstellung.

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